Der Energieverbrauch der digitalen Währungen ist ein großes Problem. Seit Anfang August stellt Ethereum auf einen neuen Algorithmus um. Dies soll den Energieverbrauch erheblich senken und könnte die Attraktivität weiter steigern.

Ethereum ist nicht ganz so populär wie der Bitcoin. Dabei ist sie die zweitgrößte Kryptowährung. Wobei hier ein Missverständnis vorliegt. Ethereum ist keine digitale Devise. Vielmehr handelt es sich um eine Stiftung mit Sitz im schweizerischen Zug. Zweck der Ethereum Foundation (EM) ist die Bereitstellung einer offenen, für alle zugänglichen Technologie („Open Source“), welche die Entwicklung und den Betrieb von dezentralen Anwendungen zum Ziel hat. Als Grundlage dafür dient eine eigene Blockchain. Ethereum dient als Plattform für dezentrale Blockchain-Projekte aller Art und geht damit deutlich über den eines reinen Zahlungssystems (wie beim Bitcoin) hinaus.

Ethereum und Ether mit Zukunft

Die Kryptowährung des Ethereum-Netzwerks heißt Ether (ETH). Sie dient als internes Zahlungsmittel, wird also als Gebühr für die Nutzung von Ethereum-Anwendungen oder den Transfer von ETH berechnet. Nach dem Bitcoin mit rund 850 Milliarden US-Dollar Marktkapitalisierung weist Ether mit knapp 360 Milliarden US-Dollar den zweitgrößten Wert aller Kryptowährungen auf. Wie andere Digitaldevisen kann ETH über Kryptobörsen gekauft und in einer elektronischen Geldbörse (Wallet) auf dem Smartphone oder PC sicher und ohne Kontrolle durch Dritte aufbewahrt werden.

Das Erfolgsgeheimnis von Ethereum sind die sogenannten Smart Contracts. Diese „cleveren Verträge“ sind auf einer Blockchain gespeicherte „Wenn-dann-Regeln“, welche Transaktionen automatisch ausführen, sobald vorab festgelegte Bedingungen erfüllt werden. Damit lassen sich Zeit und Kosten sparen, beispielsweise bei Zinsausschüttungen oder Dividendenzahlungen. Ist ein bestimmter Stichtag erreicht, kommt es automatisch zu den entsprechenden Zahlungsströmen.

Werden mehrere dieser Smart Contracts logisch miteinander verknüpft, spricht man von einer DAPP (Distributed App). Das Besondere an diesen Anwendungen ist, dass sie dezentral vom gesamten Ethereumnetzwerk betrieben werden und nicht – wie es üblicherweise der Fall ist – von einem einzelnen Unternehmen. Nach der Installation auf der Blockchain können DAPPs nicht mehr verändert oder entfernt werden, alles geschieht voll automatisiert. Wäre Twitter beispielsweise eine DAPP, wäre es praktisch unmöglich, Tweets zu löschen oder Konten zu sperren.

DAPPs finden heute vor allem im Bereich der digitalen Finanzdienstleistungen praktische und sinnvolle Anwendungsmöglichkeiten. Die DAPP Agave zum Beispiel ermöglicht die Kreditvergabe oder -aufnahme von Kryptowährungen ohne die Angabe persönlicher Daten. Ebenso wenig wird die Arbeit von Sachbearbeiterinnen und Sachbearbeitern benötigt.

Weitere Vorteile von Ethereum

Eine weitere nützliche Lösung, die Ethereum bietet, sind die sogenannten Non Fungible Token (NFT). NFTs sind digitale Werte, die einem real existierenden Objekt eindeutig zugeordnet werden können. Alle NFTs sind Unikate und nicht kopierbar und werden überall dort eingesetzt, wo virtuelle Objekte als einmalige Güter gesammelt und gehandelt werden. Beispielsweise in der Kunstszene. So ist es mithilfe von NFTs erstmals möglich, digitale Kunst genauso zu handeln wie Malerei, Skulpturen oder Fotografien – und entsprechend hohe Umsätze zu erzielen. Das aktuell spektakulärste Beispiel ist das rein digitale Bild Everydays: The first 5000 days des US-Künstlers Mike Winkelmann, welches über das Auktionshaus Christie’s für unglaubliche 69 Millionen Dollar den Besitzer wechselte.

Großes Potenzial bietet die Ethereumplattform für die internationale Finanzindustrie. Erste Gehversuche in diese Richtung werden bereits unternommen. So hat im April die Europäische Investitionsbank (EIB) gemeinsam mit drei Konsortialbanken eine digitale Anleihe über die Ethereum-Blockchain begeben. Die Vorteile sind groß: Es sind weniger Intermediäre eingebunden, die Fixkosten sind erheblich günstiger und die Abwicklungsgeschwindigkeit deutlich schneller.

Nun steht das Ethereumnetzwerk vor einem weiteren Meilenstein: Seit dem 4. August erfolgt die Umstellung vom derzeitigen, sehr energieaufwendigen Proof-of-Work- auf den viel sparsameren Proof-of-Stake-Algorithmus. Der Unterschied liegt darin, wie eine Transaktion auf der Blockchain kontrolliert und bestätigt wird.

Beim Proof-of-Work (Arbeitsnachweis) konkurrieren die Miner darum, immer schwerer werdende Rechenaufgaben als Erster zu lösen, um neue Coins oder Token zu schaffen. Dies verlangt immer größere Serverkapazitäten, was einen immensen Energieverbrauch nach sich zieht. Ein Problem, für das der Bitcoin stark kritisiert wird.

Beim Proof-of-Stake (Anteilsnachweis) gewinnen nicht die schnellsten Miner, sondern all jene, die Anteile an einer Kryptowährung besitzen und diese zur Verfügung stellen. Im Fall von Ether bedeutet dies: Wer zwei Prozent davon besitzt, kann theoretisch zwei Prozent aller Ethertransaktionen validieren. Es gibt auch keine Belohnung in Form neuer Token, sondern die Ethereigentümer bestimmen vorher die Transaktionsgebühr, die sie für ihren Einsatz verlangen. Mit dem Wechsel zur PoS-Methode können die Energiekosten theoretisch um bis zu 99,95 Prozent sinken. Langfristig könnte sich dadurch die Transaktionskapazität von derzeit 15 Transaktionen pro Sekunde auf mehrere Tausend erhöhen.

Wie sehr das Ethereum-Konzept in der realen Welt bereits angekommen und dort aktiv genutzt wird, zeigt übrigens ein sehr aktuelles Beispiel aus Deutschland: Die kryptografisch verschlüsselten Daten unseres digitalen Impfpasses werden mithilfe der Ethereum-Blockchain abgeglichen.

Über den Autor: Michael Reuss

Michael Reuss ist geschäftsführender Gesellschafter bei der Huber, Reuss & Kollegen Vermögensverwaltung GmbH in München.

Thomas Brummer war bereits für das Anlegermagazin "Der Aktionär" und das Verbraucherportal biallo.de tätig. Zudem hospitierte er in der Wirtschaftsredaktion der Rheinischen Post in Düsseldorf. Seit 2018 ist er Mitglied der Redaktion und seit 2020 als stellvertretender Chefredakteur für das Anlegerportal extraETF.com und das Extra-Magazin verantwortlich. Er verfasst zudem regelmäßig Beiträge auf geld-digital.de.