Verbraucher müssen wohl weiter mit niedrigen Zinsen in Deutschland rechnen. Wie sieht es sonst im europäischen Ausland aus?

„Liquidität ist weiterhin reichlich vorhanden“, so fasste die Europäische Zentralbank (EZB) in ihrem jüngsten Wirtschaftsbericht die aktuellen Bedingungen für Banken und Verbraucher zusammen und bestätigte in ihrer Pressekonferenz am 9. September 2021 die niedrigen Leitzinsen. Da die Kreditzinsen dem Economic Bulletin zufolge „historisch niedrig“ sind und das Sparaufkommen in ganz Europa nach wie vor ein Rekordniveau erreicht, verfügen die Banken in der Regel über reichlich Einlagen, so dass die Verbraucher mit immer niedrigeren Zinssätzen rechnen müssen. Die Europäische Bankenvereinigung (EBA) bestätigte in einer kürzlich veröffentlichten Mitteilung ihre Erwartung, dass die Zinssätze weiter sinken werden: „Die meisten Banken gehen davon aus, dass die Finanzierungsbedingungen sehr günstig bleiben und die Kosten noch weiter sinken werden.“

Der aktuelle WeltSparen Zinsradar zeigt, dass die Europäer in einer Niedrigzins-Schleife feststecken. So bieten die Top-3-Großbanken keine Festgelder mit einjähriger Laufzeit mehr an. Dafür steigen die Top-Angebote seit Monaten zum ersten Mal, nachdem sie seit Jahresbeginn stark gesunken waren. Katharina Lüth, Vice President Europe und Managing Director von Raisin DS, weist darauf hin: „Die vorübergehende Inflation – in Deutschland mit 3,9 Prozent immerhin die höchste seit Jahrzehnten – wird sich nach unten korrigieren, wenn die Menschen dem Ende der Pandemie positiver entgegenblicken und die Lieferketten sich wieder stabilisieren. Wenn die Menschen wieder zuversichtlicher sind, werden sie mehr ausgeben und die Preise werden sinken. Die Wirtschaft wird sich noch schneller erholen, wenn die Menschen mehr investieren. Die Banken werden mehr Kredite vergeben, wenn die Wirtschaft wieder anzieht… Und dann könnten auch die Zinsen wieder steigen – so zumindest der Idealfall.“ Die jüngsten Entwicklungen zeigen, wie weit Europa von einem solchen Szenario entfernt ist. In ihrem Expertenkommentar weist Lüth auf die Herausforderungen und Chancen hin, denen sich die Verbraucher angesichts der aktuellen Entwicklung von Sparzinsen und Inflation gegenübersehen.

Überliquidität der Großbanken: kaum noch Festgelder oder nur zu Winz-Zins

Viele der größten Banken in Europa bieten weiterhin nur marginale Zinsen für einjährige Festgelder, wenn sie diese überhaupt noch im Portfolio führen. Währenddessen stiegen die Zinsen der besten Angebote für einjährige Festgelder in einigen großen Märkten leicht an: Deutschland, die Niederlande, Italien und auch das Vereinigte Königreich konnten in diesem Monat einen Anstieg verzeichnen. Steckten in Deutschland die Festgeldzinsen in den vergangenen drei Monaten fest, steigen die Top-Angebote um 0,060 Prozent auf 0,583 Prozent im Durchschnitt.

  • Nur im Vereinigten Königreich ist der Zinsanstieg bedeutsam: Die Zinsen der Top-Angebote stiegen im Durchschnitt von 1,113 Prozent auf 1,423 Prozent.
  • Der spanische Spitzensatz hat sich nur deshalb nach oben bewegt, weil das niedrigste der drei Angebote, die den angegebenen Durchschnitt bilden, eingestellt wurde und keine Alternative existiert.
  • In Spanien, den Niederlanden, Deutschland und Polen bieten die größten Banken überhaupt keine einjährigen Sparprodukte an.
  • Nur im Vereinigten Königreich und in Belgien erhalten die Kunden der größten Banken im Durchschnitt mehr als ein Zehntel Prozent – in Norwegen sogar über 0,5 Prozent.

Top-Zinssätze für Festgelder: Erholung in Sicht?

Die Europäer halten den Großteil ihres Geldes weiterhin auf ihren Girokonten, nahezu unverzinst oder noch schlimmer, mit Negativzinsen belegt. Nach den neuesten Untersuchungen von WeltSparen sind die höchsten Zinssätze in Europa in den nordischen Ländern, dem Vereinigten Königreich und Italien zu finden. In Deutschland zeichnet sich eine zaghafte Wende ab: Im September ziehen erstmals seit Jahresanfang die ein- und dreijährigen Festgelder an. Zum Vergleich die Jahresentwicklung: Am Jahresanfang ließen sich in Deutschland für einjähriges Festgeld bei den Top-Angeboten 0,783 Prozent und beim dreijährigen Festgeld im Schnitt 0,970 Prozent erzielen. Die Durchschnittszinsen für Top-Angebote sind in der Bundesrepublik demnach im Jahresverlauf massiv gesunken.

  • Während die Spitzenzinsen im Vereinigten Königreich auf über 1,7 Prozent für dreijährige Einlagen und 1,4 Prozent für einjährige Produkte stiegen, gab es in Kontinentaleuropa nur geringe Veränderungen.
  • In Deutschland, den Niederlanden und Schweden sind bei Zinsen sowohl für ein- als auch dreijährige Festgelder leichte Aufwärtstrends zu beobachten.
  • Insgesamt sind im Gegensatz zum letzten Monat die meisten Entwicklungen positiv, wenn auch meist marginal.

Hinweis: Einige der untersuchten Großbanken bieten weder einjähriges Festgeld noch ein Konto mit einem Zinsbonus nach 365 Tagen ohne Abhebung an. Ihr Zinssatz wird für die Berechnung mit 0,0 Prozent angesetzt, damit das Fehlen eines Angebots im Durchschnitt sichtbar wird. In einigen Märkten bieten nur jeweils zwei Banken Festgelder mit einer Laufzeit von drei Jahren an. Der Durchschnitt wird in diesem Fall mit zwei Banken berechnet.

EZB-Daten: Zinsen für Privatkunden oft auf Vorpandemie-Niveau

Der durchschnittliche Zinssatz für Privatkunden in der Eurozone ist seit letztem Monat nur geringfügig angestiegen – mit deutlichem Anstieg in Österreich (467 Prozent) und Deutschland (150 Prozent). Noch auffälliger ist jedoch, dass sich die durchschnittlichen Zinssätze in den meisten europäischen Ländern im Vergleich zu den Vorpandemie-Zinsen vom Januar 2020 kaum verändert haben.

  • In den Niederlanden, Deutschland, Spanien, Belgien und Österreich sowie in Schweden sind die Verbraucher im Durchschnitt mit fast denselben Zinssätzen konfrontiert wie vor Beginn der Pandemie Anfang 2020.
  • Eine Handvoll Ausreißer gibt es allerdings. In Estland, Polen, Tschechien, Frankreich, Italien und sogar im Vereinigten Königreich fielen die durchschnittlichen Einlagenzinsen auf weniger als die Hälfte des Niveaus vor der Pandemie. In mehreren Fällen lag dies jedoch nur daran, dass die durchschnittlichen Zinssätze Anfang 2020 kurzzeitig angestiegen waren.
  • Die Zinssätze für Privatkunden in Deutschland sind vom Rekordtief des letzten Monats wieder über die Nullmarke gestiegen und setzen die Berg- und Talfahrt fort, die den Markt seit Dezember 2020 prägt.

EZB-Daten: Unternehmenszinsen mit -0,31 Prozent schlechter als vor Beginn der Pandemie

Der durchschnittliche Unternehmenszinssatz in der Eurozone hat seit Beginn der Pandemie drei Zehntelpunkte verloren. Deutsche Unternehmen zahlen im Schnitt statt -0,11 Prozent Verwahrentgelt im Januar 2020 inzwischen -0,48 Prozent. Im Vergleich zum Vormonat bleibt der europäische Durchschnittszinssatz mit -0,31 Prozent allerdings unverändert.

  • Die durchschnittlichen Zinssätze für Unternehmen sind in den meisten der großen europäischen Märkte seit dem Beginn der Pandemie drastisch gesunken.
  • Dazu gehören Deutschland, Österreich, die Niederlande, Italien, Griechenland, Spanien und Irland, die alle einen Rückgang von etwa drei Zehntel Prozent verzeichneten.
  • Italien sticht in diesem Monat dadurch hervor, dass die Zinsen wie im Dezember 2020 erneut unter Null gesunken sind: Italienische Unternehmen zahlen erstmals im Durchschnitt Strafzinsen auf ihre Einlagen. Somit sank der Durchschnittszins innerhalb von zwei Monaten um 0,64 Prozent.
  • Gegen den Trend haben sich die Zinsen in Spanien und Malta entwickelt. Dort sind die Zinsen für Geschäftskunden zwischen Januar 2020 und heute stark gestiegen, in Spanien von -0,22 Prozent auf 0,03 Prozent und Malta von 0,14 Prozent auf 0,65 Prozent.

Kommentar von Katharina Lüth, VP Europe & Managing Director bei Raisin DS (WeltSparen)

„Die Europäer wollen Geld auf der hohen Kante haben, denn die Bargeldbestände auf den Girokonten sind nach wie vor auf Rekordhöhe. Wenn die Pandemie zurückgeht und die Wirtschaft wieder anläuft, werden die Komsumausgaben der Verbraucher wieder auf Vorpandemie-Niveau steigen. Das wird bedeuten, dass sie einen Teil ihrer Ersparnisse in den Wirtschaftskreislauf bringen. Es wird auch der Zeitpunkt sein, an dem sich viele Menschen sicher genug fühlen, Geld in längerfristige Anlageformen, einschließlich Termineinlagen, zu investieren.

Die Europäer sind jedoch gut beraten, sich vor weiteren Zinssenkungen wettbewerbsfähige Zinssätze zu sichern. Wenn der Inflationsdruck nachlässt, die Zinsen aber weiterhin stagnieren oder sinken, wovon sowohl die EZB als auch die EBA ausgehen, profitieren Anleger, die zu den heutigen Zinssätzen anlegen, doppelt – durch eine Wertsteigerung ihres Geldes und höhere Renditen. In Anbetracht dessen kann es sinnvoll sein, mittelfristige Einlagenprodukte mit Laufzeiten von zwei Jahren oder sogar länger in Betracht zu ziehen. Die Banken rechnen damit, dass die Kosten für finanzielle Mittel weiter sinken werden. Die Zentralbank vertraut darauf, dass sich die Wirtschaft verbessert. Das sollten die Verbraucher zur Kenntnis nehmen.“

Thomas Brummer war bereits für das Anlegermagazin "Der Aktionär" und das Verbraucherportal biallo.de tätig. Zudem hospitierte er in der Wirtschaftsredaktion der Rheinischen Post in Düsseldorf. Seit 2018 ist er Mitglied der Redaktion und seit 2020 als stellvertretender Chefredakteur für das Anlegerportal extraETF.com und das Extra-Magazin verantwortlich. Er verfasst zudem regelmäßig Beiträge auf geld-digital.de.