Die Digitalisierung der Bankenwelt ist keine plötzliche Revolution, sondern eher ein steter Prozess. Auch hat die Digitalisierung der Finanzbranche nicht erst mit der Verbreitung von Smartphones und Apps eingesetzt. Schon seit den späten 1990er Jahren wächst die Zahl der Kunden, die ihre Bankgeschäfte bevorzugt online abwickeln. Direktbanken wie comdirect oder auch DKB haben das Prinzip der Onlinebank als erstes verstanden und schon vor vielen Jahren ihre Kunden über Internet, Mail und Telefon betreut. Die Digitalisierung der Banken ist also kein neuer Trend.

Neu ist allerdings die Geschwindigkeit, mit der Innovationen heute möglich werden.  Sorgten vor Jahren noch etablierte Bankhäuser für digitale Innovationen, kommen heute zunehmend Startups mit einer gänzlich anderen Philosophie an den Markt. Für klassische Banken gilt auch heute noch, dass sich ein neues Produkt zuallererst rechnen muss. Startups sehen das häufig anders und setzen in der frühen Phase ihres Schaffens  in erster Linie auf Wachstum. Hinzu kommt, dass Startups ihre Ideen radikaler umsetzen, als es die tradierten Strukturen klassischer Banken zulassen. Die Gefahr für etablierte Banken liegt nicht in der Digitalisierung an sich, sondern in ihrer geringen Bereitschaft, disruptive Ideen mit aller Entschlossenheit groß machen zu wollen. Für Startups und Unternehmen außerhalb der klassischen Finanzbranche ist das eine große Chance.

Einzelhandel und Musikindustrie als warnendes Beispiel

Auch in anderen Branchen haben Anbieter mit Hilfe digitaler Lösungen die Platzhirsche verdrängt. Amazon oder auch Zalando wurden anfangs als bessere Webseiten verspottet. Doch die heutigen Handelsriesen hatten eine Vision und setzten konsequent auf Wachstum: Schnelle Lieferungen und ein guter Kundenservice sorgten für dynamisch steigende Kundenzahlen. Inzwischen muss sogar die Konkurrenz aus dem Einzelhandel ihren Kunden weitreichende Umtauschrechte und Kundenservice ohne Wenn und Aber anbieten, um mit Amazon oder Zalando überhaupt noch mithalten zu können. Für die Online-Kaufhäuser hat sich ihr Ansatz bewährt. Heute sind die Unternehmen dank ihrer Milliardenumsätze in vielerlei Bereichen in einer guten Verhandlungsposition. Sowohl Zulieferer, als auch Wiederverkäufer und sogar Logistikdienstleister – alle zittern vor der Marktmacht von Amazon und Co. Und das, obwohl Online-Shopping vor zwanzig Jahren bestenfalls eine kleine Nische war.

Eine mit dem Onlinehandel vergleichbare Entwicklung hat auch die Musikindustrie genommen. Es ist noch nicht allzu lange her, da nahmen die Musikabteilungen in großen Kaufhäusern ganze Stockwerke ein.  Zehntausende CDs warteten auf Käufer. Während die Musikindustrie in digitalen Angeboten von Musik eine Bedrohung sah und ihre Energie um die Jahrtausendwende darauf verwendete, Nutzer von Tauschbörsen zu identifizieren, tüftelte der damals ins Hintertreffen geratene Apple-Konzern eine Revolution aus: Schicke Abspielgeräte für digitale Musik und ein Onlineshop, der es erlaubte, einzelne Songs für kleines Geld zu kaufen. Der Erfolg gab Apple Recht. Mit dem iPod legte der Konzern den Grundstein für seinen heutigen Erfolg. Schwer vorstellbar, dass es das iPhone ohne den Rückenwind von Apples Musiksparte überhaupt gegeben hätte.

Neue Technologie macht disruptive Ansätze erst möglich

Doch selbst nach dem Marktstart von Apples Musiksparte setzte sich die klassische Musikindustrie nicht mit den Chancen digitaler Lösungen auseinander. Stattdessen kochten die großen Plattenfirmen weiter ihr eigenes Süppchen, während die Verkäufe von CDs immer mehr nachgaben.  Obwohl Breitband-Internet und auch mobile Datenverbindungen immer weiter verbreitet waren, reagierte die Musikindustrie nicht. Mit Spotify positionierte sich bereits 2006 ein junges Startup für die digitale Zukunft: Obwohl sich mobiles Internet damals noch auf das Versenden von E-Mails und das Lesen von Webseiten beschränkte, dachten die Gründer um Daniel Ek weiter und etablierten einen Streaming-Dienst für Musik. Das Ergebnis kennt heute jeder: Dank der Verbreitung von Smartphones, digitalen Assistenten und Abspielgeräten mit Wlan, ist Musik heute überall zum Pauschalpreis verfügbar. Anfang 2018 hatte Spotify weltweit bereits 70 Millionen Kunden. Und die Musikindustrie? Muss heute einen großen Teil ihrer Gewinne mit den Unternehmen teilen, die dafür sorgen, dass ihre Musik überhaupt gehört wird.

Welche Lehren lassen sich nun für die Finanzindustrie ziehen?

Dass die Digitalisierung der Finanzwelt kein neues Phänomen ist, zeigt der Erfolg von Online-Brokern und Direktbanken Ende der 1990er Jahre. Doch der technische Fortschritt beschleunigt sich. Dadurch entsteht neues Potenzial, um bestehende Finanzprodukte besser zu machen. Während Online-Banken für einige Kunden, die ihre Bankgeschäfte auf Geld abheben und wenige Überweisungen beschränken, auch heute keine notwendige Alternative sind, tun sich mit zunehmendem Fortschritt neue Unterscheidungsmerkmale auf. Allen voran könnten niedrige Kosten, Flexibilität und garantierte Unabhängigkeit von wenigen großen Finanzkonzernen Argumente sein, die Kunden von neuen, digitalen Bankprodukten überzeugen. Im Bereich der Online-Kredite verzeichnen Plattformen für Social-Lending bereits heute ein großes Wachstum. Auch erkennen immer mehr Kunden die Vorteile digitaler Versicherungsmakler oder verschaffen sich mit Hilfe von Apps einen Überblick über ihre Finanzen. Die Digitalisierung der Finanzwelt ist kein neues Phänomen. Doch sie ist heute in einer Phase, in der tiefgreifende Veränderungen bestehender Strukturen aufgrund neuer Technologien immer wahrscheinlicher werden. Banken und Versicherungen müssen sich dessen bewusst sein.

Markus Jordan ist Gründer und Herausgeber verschiedener Medien im Bereich Finanzen. Über die Firma Isarvest veröffentlicht er das EXtra-Magazin, das führende ETF-Magazin in Deutschland und Geld-Digital – das Verbraucherportal für digitale Finanzangebote. Er ist einer der führenden Experten auf diesem Gebiet.