Verbriefungen – das klingt wie ein dunkles Kapitel der jüngsten Geschichte. Doch die Praxis wird von europäischen Gremien gefördert und soll dabei helfen, die Kreditvergabe an Unternehmen anzukurbeln. Das Fintech Acatus macht sich nun zur Aufgabe, Verbriefungen vom Ballast der Vergangenheit zu befreien. Wie das gelingen soll und was Privatanleger langfristig davon haben könnten, verrät Gründerin und CEO Marie Louise Seelig im Interview mit Geld-Digital.de.

Geld-Digital.de: Verbriefung klingt für Viele zuallererst nach Finanzkrise. Wie passt das zu einem Fintech, das Dinge neu und besser machen will?

Marie Louise Seelig: An Verbriefungen, wie wir sie heute kennen, sind zahlreiche Parteien beteiligt. Während der Finanzkrise entstanden Kredittranchen, die intransparent waren, da mehrfach verpackt. Investoren konnten nur sehr schwer nachvollziehen, welches Risiko sie sich da einkauften. Sie hatten dann die Wahl sich zu beteiligen oder nicht. Wir führen Verbriefungen zu ihrer ursprünglichen Idee zurück. Konkret geht es dabei darum, illiquide Bilanzpositionen auf Einzelkreditbasis zu Wertpapieren zu machen, die handelbar sind. Das ist ein Prozess, der von Banken und Investoren gewünscht ist und zudem auch von der europäischen Union im Rahmen der europäischen Kapitalmarktunionsinitiative gefördert wird. Wir gehen als Fintech einen neuen Weg und machen es besser.

Geld-Digital.de: Wie sieht Ihr Ansatz konkret aus?

Seelig: Banken treten an uns heran und können einzelne Kredite bei Acatus einstellen. Sobald sich ein oder mehrere Investoren für dieses Kreditrisiko gefunden haben, starten wir die Verbriefung. Dank digitaler Prozesse und vorher definierten Rahmenvereinbarungen mit den Banken sind wir dazu in der Lage, Kredite statt wie bisher innerhalb von Monaten, innerhalb von Stunden in ein Wertpapier zu verbriefen. Dieser schlanke und standardisierte Prozess sorgt für geringe Kosten und bietet den Investoren ein klar umrissenes Risiko-Rendite-Profil.

Geld-Digital.de: Bedeutet Standardisierung nicht immer auch den Verlust von Individualität?

Seelig: Nicht unbedingt. Wir bieten Banken die Möglichkeit, individuelle Rahmenvereinbarungen zu treffen, die dann für jede Verbriefung gelten. Das sorgt für Regelungen, die zur jeweiligen Bank passen, aber den Prozess nicht verlangsamen.

Geld-Digital.de: Warum sollten Banken Kredite überhaupt verbriefen? Werden da nicht unliebsame Bilanzpositionen bei unbedarften Anlegern abgeladen?

Seelig: Nein. Banken sehen sich heute regulatorischen Anforderungen ausgesetzt und sind zu bestimmten Eigenkapitalquoten verpflichtet. Diese Anforderungen können dazu führen, dass kein Neugeschäft mehr generiert werden kann. Verbriefungen von Bestandskrediten und auch von neuen Krediten können dafür sorgen, dass das Eigenkapital von Banken weniger belastet wird und wichtige Kundenbeziehungen gehalten werden können. Durch die Verbriefung ermöglichen wir der Bank eine flexible Kapitalmarktfinanzierung, so dass sie wieder mehr Neugeschäft machen kann, was wiederum den Kreditnehmern zu Gute kommt.

Geld-Digital.de: Und was haben Investoren davon?

Seelig: Wir arbeiten mit institutionellen Investoren zusammen. Diese Anleger sind alles andere als unbedarft und schätzen unser Angebot sehr. Wieso? Anders als bei klassischen Verbriefungen arbeiten wir nicht mit intransparenten Tranchen. Bei uns kann sich der Investor über das Instrumentarium der Einzelverbriefung sein Portfolio individuell anhand der Eckdaten eines einzelnen Kredits zusammengestellt werden.  So entsteht ein Wertpapier, das exakt in das Portfolio des Investors passt.

Geld-Digital.de: Können Sie sich auch Privatanleger auf Acatus vorstellen?

Seelig: Langfristig ist das denkbar. Unsere Kostenstruktur erlaubt es uns, auch kleinere Anlagebeträge zu berücksichtigen. Allerdings ist der Vertrieb von Finanzprodukten an Privatanleger deutlich strenger geregelt, was wir begrüßen, denn nicht jedes Produkt ist für den Privatanleger geeignet. Da unser Produkt sehr stark bei institutionellen Anlegern nachgefragt ist, die über die entsprechende Expertise verfügen und in Zeiten der niedrigen Zinsen auch einen hohen Anlagedruck haben, fokussieren wir uns zunächst auf das Geschäft mit institutionellen Kunden. In diesem Bereich sehen wir zur Zeit ein größeres Potential als im Privatanlegermarkt.

Schreibt seit 2006 über Finanzen und Börse. Neben Jobs für Anlegerzeitschriften, Finanzmagazine und Unternehmen aus der Branche beobachtet Nico für Geld-Digital.de seit 2018 spannende Fintechs aus dem deutschsprachigen Raum.