Jürgen Lankat ist Gründer der Mio Decentral AG und will mit der dezentralen Mio dApp den Dating-Markt umkrempeln. Der Ansatz: Maximale Kontrolle über persönliche Daten. Was die Technologie sonst noch kann und warum sich das Unternehmen bewusst der Schweizer Finanzmarktaufsicht unterstellt hat, lesen Sie im Interview.

Sie arbeiten seit einiger Zeit an einem Krypto-Projekt und haben in dem Zusammenhang auch über ein ICO nachgedacht. Dafür sind Sie den regulierten Weg über die Schweizer Finanzmarktaufsicht gegangen. Welche Vorteile versprechen Sie sich davon am Markt?

Jürgen Lankat: Grundsätzlich sollte vor jedem ICO beziehungsweise jeder Variante von Finanzierung, ein möglichst valides, rechtliches Umfeld geschaffen werden. Im Krypto-Bereich ist das bisher leider nur sehr schwierig und daher selten. Ich schätze nur in 3 von 100 Fällen kümmern sich die Gründer um einen soliden Rechtsrahmen. Daher ist der Krypto-Markt auch nach wie vor sehr umstritten. Wir sind einer von diesen wenigen Strebern und betonen durch diese Sorgfalt die langfristige Ausrichtung und Seriosität unseres Projektes. Selbst der beste Anwendungsfall kann nur dann sein volles Potenzial entfalten, wenn für seine Realisierung auch ein möglichst hohes Maß an Rechtssicherheit besteht. Für den #MIO Payment-Token haben wir das erreicht. Mit diesem Reifegrad haben wir jetzt einen Private Presale gestartet. Ob wir zu einem späteren Zeitpunkt ein ICO für sinnvoll erachten, steht noch nicht fest.

Was bedeutet der Private Presale genau?

Lankat: Im Sommer 2017 hatten wir die Idee zur Mio dApp (Anmerkung: dApp steht für decentralized Application). „Wie würde eine Welt aussehen, in der Daten nicht mehr zentral, sondern dezentral gespeichert würden und auf welche Bereiche hätte das besondere Auswirkungen?“. Dann landeten wir relativ schnell bei Online-Dating – die Daten sind sehr persönlich und sensibel und weltweit flirten viele Menschen online. Seither haben wir mit einem Team von sechs Gründern und einigen befreundeten Beratern Mio Decentral aufgebaut. Mittlerweile haben wir eine Alpha-Version der Anwendung und die behördliche Einschätzung von #MIO als Zahlungs-Token. Wir sind davon überzeugt, dass wir damit ausreichend Investoren begeistern können, um mit der Mio dApp an den Markt zu gehen. Wie „game-changing“ das wird, und ob wir dafür überhaupt ein ICO brauchen, werden wir sehen.

Haben Sie sich mit Alternativen auseinandergesetzt? Welche Regulierungsbehörden wären noch infrage gekommen?

Lankat: Für uns war von Anfang an klar, dass wir das Projekt in der Schweiz starten, deren Regulierungsstandards weltweit anerkannt sind. Die Schweiz hat Krypto und Blockchain sehr früh als innovative Technologie erkannt und ist jungen Unternehmen gegenüber aufgeschlossen und positiv eingestellt. Auch Jurisdiktionen wie beispielsweise Malta oder Gibraltar haben diesen innovativen Industriezweig als Chance erkannt und sind sehr aufgeschlossen. Doch diese Länder wären für uns in vielerlei Hinsicht weiter entfernt gewesen. Direkt ausgeschlossen haben wir schwach regulierte Offshore-Standorte.

Wie schätzen Sie die Lage in Deutschland dazu ein? Hat Deutschland aus Ihrer Sicht Nachholbedarf?

Lankat: Entscheidet man sich für den „guten“ Weg und will sich einer Regulierung unterordnen, so sind etliche Länder – auch Deutschland – leider noch nicht so weit. Ich vermute dennoch einen grundsätzlichen Wunsch nach Innovationen. Denn das Thema „Digitalisierung“ steht auf nahezu jeder Agenda und mit der zeitgemäßen Kapitalbeschaffung für kleine und mittelständische Unternehmen beschäftigt sich auch die Europäische Kommission.

Statt sich weiterhin mit präventiven, teilweise gar pauschalen Verboten selbst ins Abseits zu stellen, wäre es für eine Volkswirtschaft besser, mit rechtlichen Rahmenbedingungen zumindest die Richtung vorzugeben, in die die Reise gehen soll. Denn es gibt viele Sektoren, die sich stark wandeln werden und dezentrale Technologien werden dabei eine Schlüsselrolle einnehmen.

#MIO ist als Zahlungs-Token klassifiziert. Was bedeutet das für Interessenten an der Digitalwährung? Inwiefern spielt Ihr Geschäftsmodell hinein?

Lankat: Sobald die Mio dApp gelauncht und damit der Token in den Verkehr gebracht ist, wird #MIO wie ein Zahlungsmittel eingestuft. Das hat regulatorische und steuerrechtliche Vorteile, da der Mio Token quasi wie eine „Devise“ behandelt wird. Seine Klassifizierung basiert auf unserer sogenannten Unterstellungsanfrage vom 08.05.2018 und dem darin beschriebenen Sachverhalt des Projekts. Insbesondere für Interessenten unserer Digitalwährung und Verbraucher, die mit #MIO zahlen werden, haben wir dies sorgfältig geklärt.

Außerdem spielt der Zahlungs-Token eine ganz zentrale Rolle in unserer langfristigen Strategie. Mit Dating fokussieren wir uns zunächst nur auf eine Anwendungsmöglichkeit der Infrastruktur aus dezentralen Technologien, die wir selbst entwickelt und zusammengestellt haben. Mittelfristiges Ziel ist es, #MIO plattformübergreifend einsetzbar zu machen. Denn mit unserem Protokoll lösen wir das Datenschutzproblem im Kern und machen jede Diskussion um etwas wie die DSGVO überflüssig.

Die Möglichkeiten klingen spannend. Können Sie uns Einblick geben, in welchen Bereichen Ihre Technologie noch punkten könnte?

Lankat: Klingt vielleicht etwas dick aufgetragen, doch die Frage ist eher, in welchen Bereichen der technologische Ansatz von Mio Decentral nicht punkten könnte. Es ist ein Paradigmenwechsel – von zentral zu dezentral. Profildaten werden nie auf einem zentralen Server gespeichert, sie werden peer-to-peer geteilt. Chats finden komplett anonymisiert statt. Transaktionen laufen über ein Blockchain-basiertes Protokoll. Viel Freude beim Überlegen, in welchen Bereichen unser Ansatz der Überlegenere wäre. In puncto Datensicherheit landen wir dabei immer auf Platz 1.

Schreibt seit 2006 über Finanzen und Börse. Neben Jobs für Anlegerzeitschriften, Finanzmagazine und Unternehmen aus der Branche beobachtet Nico für Geld-Digital.de seit 2018 spannende Fintechs aus dem deutschsprachigen Raum.