InsurTechs wie Getsafe sprechen digital affine Kunden an und bieten schlanke Prozesse. Warum der Markteintritt des US-InsurTechs Lemonade das Heidelberger Startup kalt lässt, wie es um die Expansionspläne steht und welche Versicherungen Getsafe als nächstes digitalisieren will, erklärt CEO Christian Wiens im Interview mit Geld-Digital.de.

Der Marktstart des „Ur-InsurTechs“ Lemonade in Deutschland hat einiges Medienecho nach sich gezogen. Was erwarten Sie von der neuen Konkurrenz für den deutschen Versicherungsmarkt?

Christian Wiens: Wir gehen davon aus, dass Lemonade den Wettbewerb belebt und die Digitalisierung in der Branche weiter vorantreibt. Das ist gut für uns – auch wenn Lemonade ein direkter Konkurrent ist. Aber wir haben hier in Europa einen riesigen Markt und eine große Zielgruppe von nicht-versicherten Kunden, die nicht zum Vertreter gehen wollen, sondern nach anderen, digitalen Lösungen suchen. Das größere Problem haben daher aus unserer Sicht die etablierten Versicherer, denn diese haben eine veraltete technische Infrastruktur. Ich glaube nicht, dass die klassischen Versicherer in der Lage sein werden, eine Versicherungserfahrung zu replizieren, wie sie Getsafe, Lemonade oder andere Insurtechs bieten. An der Oberfläche mag das so aussehen, aber unter der Haube wird das noch viele Jahre Arbeit kosten.

Sie betonen, bei Ihrem Angebot auf eine ausgefeilte Plattform zu setzen. Was bedeutet das für die Kunden und welche Rolle spielen diese Voraussetzungen für die Expansionspläne von Getsafe?

Wiens: Unsere Technologieplattform erlaubt es uns, unsere Kunden vom Erstkontakt bis zur Kündigung über die gesamte Wertschöpfungskette und Kundenreise zu begleiten. Damit werden sämtliche Prozesse, wie der Vertragsabschluss oder die Schadensmeldung,  deutlich schneller und einfacher. Die Kunden interagieren mit der Plattform über eine App, die sie unterstützt, persönliche Angaben, wie Kontodaten, Adresse oder den Versicherungsschutz in Echtzeit zu verwalten. Zudem ermöglicht es unsere AI, Schadensdaten in Echtzeit zu melden und zu verarbeiten. Aus Unternehmenssicht liegt das Potenzial der Plattform insbesondere im Datenmanagement: Getsafe kann sämtliche Daten strukturiert erfassen und damit seine Marketingkanäle effizient anpassen, Schäden voll automatisiert regulieren oder Versicherungsbetrug früh erkennen. Außerdem ist die Plattform unabhängig von nationalen Eigenheiten. Sie funktioniert mit unterschiedlichen Steuer- und Währungssystemen, mit verschiedenen Sprachen und in allen Versicherungssparten.

Sie expandieren nach Großbritannien. Welche weiteren Märkte nehmen Sie darüber hinaus ins Visier und mit welchen Hürden sehen Sie sich dabei konfrontiert?

Wiens: Wir planen bis Ende 2020 in mehrere europäische Länder zu expandieren. Technologisch sind wir dafür mit unserer Versicherungsplattform bestens gerüstet, und wir sehen in ganz Europa ein großes Marktpotenzial. Hinzu kommt: Mit der Munich Re haben wir einen leistungsstarken Partner im Rücken, der bereits global tätig ist. Diese globale Präsenz werden wir nutzen, um auch international stark skalieren zu können. Aber natürlich brauchen wir mittelfristig Teams vor Ort, die die jeweilige Landessprache sprechen und den Markt kennen. Dieses Netzwerk aufzubauen ist die Aufgabe der kommenden Monate.

Gegenwind kommt auch von der klassischen Versicherungswirtschaft. Der Bundesverband Deutscher Versicherungskaufleute warnt vor Angeboten, die ausschließlich mit Chatbots und AI arbeiten. Können Sie das nachvollziehen?

Wiens: Nein, ich halte das für Panikmache. Eine Versicherung, bei der Kunden ausschließlich mit intelligenten Maschinen agieren, ist reine Zukunftsmusik. Es wird immer einen menschlichen Kundenservice und menschliche Berater geben. Aber Chatbots oder Sprachassistenten sind teilweise schon sehr ausgereift und können Kunden gut bei Standardfragen helfen. Sie haben den Vorteil, dass die 24 Stunden am Tag erreichbar sind und werden daher dem Bedürfnis vieler Kunden gerecht, Informationen und Unterstützung unmittelbar auf Nachfrage per Knopfdruck zu erhalten – ganz unabhängig von Bürozeiten. Allerdings werden diese Systeme den Menschen meiner Meinung nach nicht ersetzen, sondern entlasten. Digitale intelligente Systeme werden Mitarbeiter im Kundendienst also in die Lage versetzen, sich wieder stärker auf jene Anfragen zu konzentrieren, bei denen ein persönlicher Kontakt mit Empathie wichtig und notwendig ist.

Sie bieten eine Privathaftpflicht und eine Hausratversicherung und decken damit einen Teil der Basics ab. Können Kunden als nächsten Basis-Baustein eine Berufsunfähigkeitsversicherung erwarten?

Wiens: Ja, in den kommenden Jahren wird die Berufsunfähigkeitsversicherung ebenso kommen wie eine Risikolebensversicherung.

Werden Sie das neue Angebot alleine stemmen oder mit etablierten Partnern zusammenarbeiten?

Wiens: Wir haben mit der Munich Re einen leistungsstarken Partner im Rücken, der es uns möglich macht, uns auf unsere Kernkompetenz zu fokussieren. Die globale Präsenz der Munich Re werden wir nutzen, um auch international stark skalieren zu können. Gleichzeitig ist unsere Infrastruktur vom ersten Tag an darauf ausgerichtet, auch mit anderen Risikoträgern zu arbeiten bzw. auch eine eigene Versicherungslizenz zu beantragen. Damit haben wir viel Flexibilität und bewahren uns unsere Unabhängigkeit.