Deutschland hat große Vorbehalte gegenüber der Digitalisierung und landet im Digital Transformation Index auf Platz sechs von neun. Doch im Berufsleben zeigt man sich offen.

Dies ergibt ein neuer paneuropäischer Report der Investmentplattform Etoro und dem Centre for Economics and Business Research (Cebr). Der Digital Transformation Index bewertet die digitale Durchdringung, das Engagement und das Potenzial in neun europäischen Ländern (Dänemark, Frankreich, Deutschland, Italien, den Niederlanden, Polen, Rumänien, Spanien und dem Vereinigten Königreich). Dazu werden unterschiedliche aktuelle und zukunftsweisende Indikatoren einbezogen, einschließlich einer Umfrage unter mehr als 18.000 europäischen Verbrauchern.

Dennis Austinat, Chef der DACH-Region von Etoro, kommentiert den Report wie folgt: „Die Befragung zeigt, dass die Deutschen das Gefühl haben, sie müssten der Digitalisierung mit Vorbehalten gegenüberstehen. Gleichzeitig zeichnet sich ab, dass sie im Berufsleben ganz klar die Vorteile der Technologien sehen. In Deutschland ist eine Vielzahl digitaler Technologien bereits tief im Alltag der Menschen verwurzelt. Eventuell sind die gefühlten Vorbehalte der Menschen in Deutschland größer als die tatsächlichen.“

Deutschland, als bevölkerungsmäßig und wirtschaftlich größtes Land Europas, rangiert auf Platz sechs von neun des Digital Transformation Index. Die allgemeine Unterstützung seitens der Bevölkerung für ein Vorantreiben der Digitalisierung ist in Deutschland geringer als in den anderen untersuchten Ländern. Jedoch stehen die Bundesbürger einer Digitalisierung am Arbeitsplatz weitaus offener gegenüber: Im Vergleich zu den acht anderen befragten Ländern gibt nur ein geringer Teil der Befragten hierzulande an, dem Ausbau digitaler Technologien am Arbeitsplatz negativ gegenüber eingestellt zu sein. Die ablehnende Haltung betrifft somit vor allem den privaten Bereich.

Eine positive Kettenreaktion

Die Ergebnisse der Untersuchung deuten auf eine positive Kettenreaktion hin, bei der die verstärkte Übernahme von Technologien die entsprechenden Fähigkeiten verbessert, was wiederum noch höhere Übernahmeraten fördert. Onlinebanking ist hierfür ein gutes Beispiel, denn mit der Abwicklung von Bankgeschäften über das Internet, beschäftigen sich die Europäer am häufigsten: Fast ein Viertel (23 Prozent) nutzt es täglich und 78 Prozent mindestens einmal pro Woche. Allerdings äußern die Europäer Unbehagen bei der Verwendung digitaler Lösungen, die noch nicht gut etabliert sind. So würde sich beispielsweise nur eine Minderheit (44 Prozent) der Befragten wohl dabei fühlen, routinemäßige Arztbesuche per Videoanruf durchzuführen.

Auswirkungen von Covid-19

Die Befragung bestätigt, dass die Pandemie die digitale Transformation in ganz Europa beschleunigt hat, wobei mehr als ein Drittel (36 Prozent) der Befragten digitale Technologien auch außerhalb des Arbeitsplatzes verstärkt nutzt. Diese Verhaltensänderungen scheinen die Präferenzen und Gewohnheiten langfristig zu prägen: Mehr als ein Viertel (27 Prozent) erwartet, dass sie nach der Pandemie die digitalen Technologien außerhalb des Arbeitsplatzes weiterhin stärker nutzen werden als vor der Pandemie.

Besorgnis über Cyberkriminalität und eine digitale Kluft

Während die Mehrheit der Europäer (51 Prozent) zustimmt, dass digitale Technologien das Leben erleichtern und die zunehmende Digitalisierung in der gesamten Wirtschaft generell unterstützend wirkt, zeigt die Untersuchung Uneinigkeit über das Tempo und den Umfang der digitalen Transformation, die für die Zukunft angemessen ist. Zwei von fünf Europäern sind der Meinung, dass sich die digitalen Technologien zu schnell verbreiten.
Die überwiegende Mehrheit der Umfrageteilnehmer (97 Prozent) hat Bedenken hinsichtlich der Risiken der Cyberkriminalität, da sich immer mehr Daten und Aktivitäten ins Internet verlagern.

Auch die sozialen Auswirkungen der Digitaltechnik beschäftigen viele Europäer: 95 Prozent gaben an, zumindest ein wenig besorgt über eine wachsende „digitale Kluft“ zu sein, bei der Menschen ohne Zugang zu digitalen Technologien ins Hintertreffen geraten. Dies verdeutlicht, dass die Förderung eines gleichberechtigten Zugangs zur digitalen Technologie der Schlüssel dazu sein kann, dass sich die Menschen für eine stärkere Nutzung von Technologie entscheiden.

Die Zukunft ist digital

„Etoros Report zeigt deutlich, dass sich die Mehrheit der Befragten einig darüber ist, dass unsere Zukunft digital ist und Technologie unser Leben erleichtern wird. Die Voraussetzung ist, dass wir bei der digitalen Transformation den Menschen im Fokus behalten müssen, damit die Digitalisierung erfolgreich sein kann. Das Gute ist: Mit den Herausforderungen geht auch eine Chance für mehr Gleichberechtigung, Inklusion und Menschlichkeit einher“, kommentiert Monika Müller, Gründerin von FCM Finanz Coaching, die die Studienergebnisse vor finanzpsychologischem Hintergrund betrachtet.

Pablo Shah, leitender Wirtschaftswissenschaftler am Centre for Economics and Business Research (Cebr), ergänzt: „Die digitale Transformation wird einen Großteil des wirtschaftlichen Fortschritts Europas in den 2020er Jahren vorantreiben. Diese Untersuchung zeigt, dass der Grad der digitalen Durchdringung und des Engagements in Europa sehr unterschiedlich ist. Während einige Länder, wie zum Beispiel Rumänien, kurz davor stehen, die digitale Kluft zu schließen, könnte eine eher geringe Unterstützung der Digitalisierung in Ländern wie Deutschland dazu führen, dass diese Länder in den kommenden Jahren in Bezug auf ihre digitale Fortschrittlichkeit Einbußen erleben.“

Thomas Brummer war bereits für das Anlegermagazin "Der Aktionär" und das Verbraucherportal biallo.de tätig. Zudem hospitierte er in der Wirtschaftsredaktion der Rheinischen Post in Düsseldorf. Seit 2018 ist er Mitglied der Redaktion und seit 2020 als stellvertretender Chefredakteur für das Anlegerportal extraETF.com und das Extra-Magazin verantwortlich. Er verfasst zudem regelmäßig Beiträge auf geld-digital.de.